Jüdisches Leben in Olpe - Stolpersteine
Vortrag von Dr. Stephan Schlösser am 22.01.26 im Alten Lyzeum Olpe vor der Senioren-Union Olpe
Der Referent berichtete vor ca. 45 Teilnehmern in dem bebilderten etwa 1-stündigen Vortrag von der Geschichte der Olper jüdischen Familien Lenneberg und Emanuel, die ihre Vaterstadt in der Zeit des Nationalsozialismus beraubt, gedemütigt und entrechtet verließen sowie über das Schicksal der Olperin Mia Bonzel, die ebenfalls, obwohl katholischen Glaubens, unter dem ungehemmten Antisemitismus gelitten hat, ja sogar im KZ Ravensbrück ihr Leben ließ.
Der Witwer Isaac Lenneberg war Senior-Chef des großen Olper Kaufhauses in der Kölner Straße. Seine Söhne Hermann und Julius leiteten das Geschäft in seiner Nachfolge, waren mit Mathilde und Gisela verheiratet und hatten je ein Kind, Hannele und Hans-Hugo.
In der Bahnhofstr. 7 lebte die Familie des jüdischen Metzgers Julius Emanuel mit Ehefrau Bertha und den Kindern Louis, Herta, Hans und Illa.
Nach Beraubung des Kaufhauses Lenneberg bzw. der Metzgerei Emanuel durch die sog. „Arisierung“ verwüsteten und zerstörten SA-Männer am hellichten Tag des 10. November 1938 die drei Wohnungen in der Kölner Str. 7, Felmicke 28 und Bahnhofstr. 7.
Hermann und Julius Lenneberg sowie Julius Emanuel wurden an dem Tag verhaftet und im Olper Rathaus gefangen gehalten. Von dort wurden sie nach Dortmund und weiter in das KZ Sachsenhausen deportiert, dort gequält und bedroht – bis sie zusagten, mit ihren Familien ihr Vaterland zu verlassen. Tief gedemütigt und krank kamen sie nach Hause. Es gelang den beiden Lenneberg-Familien, Einreise-Visa für die USA zu erlangen. Während Isaac, Hermann, Mathilde und Hannele Lenneberg mit der MS Iberia über Kuba in die USA ausreisen konnten, war die Schiffspassage für Julius, Gisela und Hans-Hugo Lenneberg höchst riskant. Die MS St. Louis mit über 900 jüdischen Menschen durfte die Passagiere in Kuba nicht an Land lassen. Das Schiff musste zurückkehren: in Cuxhaven aber wartete die Gestapo, um alle Passagiere in Konzentrationslager zu deportieren. Dem mutigen Schiffskapitän Schröder gelang es jedoch, seinen Passagieren in England, Frankreich, Belgien und den Niederlanden von Bord gehen zu lassen. Die Lennebergs konnten somit überleben, da sie schließlich von Antwerpen eine gültige Passage nach New York erwerben konnten. Die Irrfahrt der MS St. Louis ist mehrfach verfilmt worden.
Die Familie des Metzgers Emanuel ist schon 1936 zerfallen, als Louis als 21 -jähriger Deutschland nach Argentinien und Herta mit 23 Jahren nach Südafrika verließen. Hans Emanuel wurde in einen Kindertransport nach England verfrachtet, er ging später nach Israel, wo er einen Kibbuz mit aufbaute. Die letzten Juden, die Olpe verlassen mussten, waren Julius, Bertha, Hans und Illa Emanuel, die 1941 wie schon Louis nach Argentinien gingen.
Mia Bonzel, deren Vater ein Vetter der Ordensgründerin, der seligen Mutter Maria Theresia Bonzel war, wurde 1896 in der Frankfurter Str. 22 geboren. Sie heiratete 1938 in Südfrankreich den Kölner Juden Alfred Lichtenstein. Er wurde 1942 von den Franzosen an die Nazis im besetzten Norden Frankreichs ausgeliefert. Diese deportierten ihn sofort nach Auschwitz, wo er durch Giftgas ermordet wurde. Mia wurde an der Grenze bei Saarbrücken wegen sog. „Rassenschande“ verhaftet und von der Gestapo in das Frauen-KZ Ravensbrück deportiert. Briefe von ihr an ihre Schwester sind erhalten. Ab 1945 kamen keine Briefe mehr. Wir wissen nicht, wie sie in diesem KZ ermordet wurde. In Frage kommen Todesspritzen, Vergiftungen, Erschießen, Vergasung.
In Olpe hat sich 2024 die „Initiative Jüdisches Leben in Olpe“ gegründet. Sie plant, dem Künstler Gunter Demnig die Verlegung von Stolpersteinen vor den Häusern der 14 Opfer des Antisemitismus zu ermöglichen und hat die drei weiterführenden Schulen gewinnen können, eine allein von Schülerinnen und Schülern gestaltete Stele im Zentrum der Stadt zu errichten. Der Stadtrat hat beiden Vorhaben einstimmig zugestimmt.
Die Initiative will eine echte bürgerschaftliche Initiative sein, will ihren Dienst also unabhängig von jeglicher politischen, staatlichen oder sonstigen Einflussnahme leisten, allein dem Ziel dienend, die Auswirkungen eines menschenverachtenden Rassismus auch im Stadtbild sichtbar zu machen. Da dies mit Kosten verbunden ist, bat der Referent mit der Verteilung eines Flyers, sich mit einer Spende solidarisch zu zeigen. Die Initiative ist dem Heimatverein für Olpe und Umgebung e.V. dankbar, als Verwalter des Spendenkontos zu fungieren und so die Gemeinnützigkeit der Spenden zu gewährleisten.
Am 10. Februar 2026 wird Gunter Demnig um 18 Uhr in der Stadthalle in einem Vortrag sein Kunst-Projekt „Stolpersteine“ vorstellen, der Eintritt ist für alle Interessierten offen. Eine musikalische Begleitung ist vorgesehen. Der Referent rief dazu auf, an diesem für Olpe bedeutsamen Ereignis teilzunehmen.
Die Stolpersteinverlegung beginnt am 11. Februar (wahrscheinlich um 9 Uhr) vor dem Gebäude Kölner Str. 7 (vier Steine). Von dort geht es zur Frankfurter Straße 22 (ein Stein), dann zur Felmicke 28 (drei Steine) und endet am Haus Bahnhofstr. 7 (sechs Steine).
Nach dem Vortrag ergab sich bei einer gemeinsamen Einkehr im „Extra-Blatt“ am Biggesee-Ufer die Gelegenheit, das alle bewegende Thema des Vortrags in regem Gespräch zu vertiefen.